Von Moskau nach Ekaterinburg

In den letzten Tagen sahen wir gar nichts von den schönen Seiten der Städte, bewegten uns immer nur in den schraddeligen Stadtteilen, gewissermaßen im tiefen Osten. Und das ändert sich auch nicht bei der knapp einstündigen Fahrt vom Hotel zum Flughafen. Es gibt einige wenige Monumentalbauten, nur wenige schöne Vorkriegssubstanz, ansondern viele Bausünden aus sozialistischer und postsozialistischer Zeit. Dabei könnten die Städte durchaus viel schöner wirken, wenn man ihnen mal ein paar Pötte freundlicher Farbe spendierte. Direkt am Moskauer Autobahnring liegen auch einige große, alte Märkte, die beim Vorbeifahren wie eine Kombination aus Trödel- und Baumarkt aussehen. Da könnte man neben bei den klassischen Sehenswürdigkeiten sicher auch einen ganzen Tag verbringen. Allerdings wird man ohne Dolmetscher da nicht richtig weiterkommen. Aber es würde mich ja schon mal interessieren, weil auf solchen planenverhangenen Märkten einfach das echte Leben pulst.

Für mich auffällig ist auch der extrem hohe Teil an übergroßen Konzertplakaten im Stadtbild; sie halten sicher 25% an der Gesamtwerbefläche. Beworben werden neben wenigen einheimischen Künstlern viele Shows, die man auch von zuhause kennt: Riverdance, a-ha, Metallica, aber auch Rammstein, Hansi Last und erstaunlicherweise inExtremo.

Während des Flugs nach Ekaterinburg merkt man dann, wie groß und leer Rußland ist, obwohl wir für russische Verhältnisse ja gar nicht weit fliegen. Zu sehen ist im wesentlichen erst leicht, später dann stärker verschneite Landschaft, breite, meandernde Flüsse, zugefrohrene Seen, sich bis zum Horizont schnurgerade hinziehende Straßen & Eisenbahnstrecken. Von oben ein ruhiges und friedliches Land, in dem man sicher tagelang wandern kann, ohne jemandem zu begegnen. Wir konnten teilweise 15 Minuten lang fliegen, ohne die Lichter einer Stadt zu sehen.

Bei der Ankunft in Ekaterinburg erst mal der Eindruck, daß nach einem richtigen Wortanfang der Typograph sich einen Scherz erlaubt hat; aber natürlich ist es eben Kyrillisch. In der Halle mit den Gepäckbändern residiert eine getiegerte Katze in krüppeligen Topfpalmen und beobachtet majestätisch und schläftig das Treiben. Auch ein Weg gegen Mäuse und Ratten.

Für Tontechniker ist die Gegend hier ja legendär; immerhin wurden in einem Vorort von Ekaterinburg vor Jahren Kompressoren erfunden und werden bis heute weltexklusiv für die verschiedenen Marken gebaut. Nur ein Kompressor aus Kompressorniy ist eben der Echte mit der Goldkante.

Weniger Goldkante ist der Bus, der uns durch die Gegend schaukeln soll. Die Luken zu den Gepäckfächern lassen sich angeblich nicht öffnen und so hiefen wir alle Koffer und Taschen durch die hintere Türe auf die Sitze. Dieser vorgeblich kurzfristig aufgetretene Fehler war auch anderthalb Tage später bei unserer Abreise noch nicht behoben. Wenn man sich den Bus näher anschaut, dann liegt der Gedanke nicht sehr fern, daß dieses Problem schon länger besteht. Kurzfristigkeit ist aber natürlich im Universum auch relativ.

Im Hotelgebäude kommen dann plötzlich Heimatgefühle auf: das deutsche Konsulat ist hier beheimatet. Ich gehöre im Urlaub eher zu den Menschen, die sich von Landsleuten fernhalten, bin keiner, der jetzt übermäßigen Heimatstolz pflegt. Aber mitten in der russischen Unfreundlichkeit ist allein so ein Schild mit Bundesadler ein wärmender Lichtstrahl.

Nach dem Einchecken waren wir dann noch auf Einladung des örtlichen Veranstalters recht lecker essen. Die örtliche Küche ist gut gewürzt und schmackhaft. Ein deutlicher Kontrast zum Essen am Vorabend. Nur die Kellnerinnen ließen ihren russischen Charme leider nicht so richtig sprühen. In einem Nachbarort gab es mehrere Schweinegrippenfälle. Später während der Reise werden wir gerade an Flughäfen noch viele Menschen mit solchen Mundschutzen sehen. Lustigerweise oft nach unten über’s Kinn gezogen, den Mund frei.