Zeit für harte Schritte

Nun ist es also soweit, Italien steht im Schußfeld des Kapitalmarkts. Und sind wir ehrlich: der drittgrößte Schuldner auf der weltweiten Hitliste ist durch Mittel, die für Länder wie Griechenland halbwegs Erfolg versprachen, nicht zu halten. Und auch wenn natürlich an den Stammtischen jetzt gnadenlos über den Euro hergezogen wird und alle es schon immer wußten: der Euro ist nicht das Problem. Das Problem liegt neben der größenwahnsinnigen Schuldenpolitik der vergangenen Jahre zur Zeit auf den Kaimans, den Jungferninseln, oder auf den Bermudas. Dort liegen die großen Hedgefonds, die mit Leerverkäufen jeden und alles aufs Korn nehmen können und Aufgrund der Struktur des Finanzmarkts self fulfilling prophecies erzeugen. Bei all‘ den gigantischen Summen, die zur Zeit dem Finanzmarkt in den Rachen geworfen werden wird doch sehr leicht vergessen, daß genau diese Kohle von Firmen abgegriffen werden. Da man mit Kursverlusten gigantisch Geld verdienen kann, wenn man auf der richtigen Seite der Wette sitzt, wird das auch konsequent ausgenutzt.

Die Lösung kann also nicht sein, weitere Milliarden in irgendwelche Rettungsschirme zu pumpen, sondern die internationale und konsequente Ächtung von Leerverkäufen …… und dann der ebenso konsequente Schuldenabbau. Überall.

In diesem Zusammenhang sollte man dann auch mal den Geisteszustand unseres Bundeswirtschaftsministers und seiner Parteikollegen prüfen lassen und gegebenenfalls für betreutes Wohnen sorgen. Wer in solchen Zeiten Steuerabbau dem Schuldenabbau Vorrang geben möchte, der muß so unglaublich in einer Parallelwelt leben, daß das für eine Einweisung locker reichen sollte.

Deutscher Hardlinerreflex

Während man in Norwegen nicht aufhört zu versichern, daß die Anschläge der letzten Woche nichts an der offenen Gesellschaft verändern sollen, daß man solchen Terroristen nicht die Gelegenheit geben möchte, das freiheitliche Denken zu zerstören, kommt aus deutschen CDU/CSU – Kreisen, die Leichen sind noch nicht ganz kalt, der Kommentar, daß man aber jetzt ganz, ganz schnell die Vorratsdatenspeicherung brauche. Man könne nur so solche Anschläge verhindern.

Aha.

So. ein. Quatsch.

Wenn der Attentäter nur wenige Minuten, bevor er sich in sein mit einer Bombe beladenes Auto setzt, sein vielseitiges Pamphlet absetzt und vorher eher unauffällig agiert, dann hat auch ein deutscher Hardliner nicht den Ansatz einer Chance, solch einen Anschlag zu verhindern.

Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, daß der Staat die Möglichkeit hat, für absolute Sicherheit zu sorgen. Es gibt einfach keine absolute Sicherheit. Alles was wir erreichen können ist der Vortrieb von Allmachtsphantasien und der kompletten Kontrolle des …… Individuums (kann man einen komplett kontrollierten Menschen, der wohlmöglich ob der Überwachung schon im vorauseilenden Gehorsam agiert noch Individuum nennen ?). Mehr aber auch nicht.

Das Geschwafel der „konservativen“ Politiker ist nicht nur unsäglich dumm, sondern angesichts der Situation in Norwegen zudem auch noch geschmacklos.

Eigentlich sollte man eine Komplettüberwachung von Politikern fordern, damit man wirksam verhindern kann, daß die solch einen Unfug absondern.

Nachtrag, 17:20 Uhr: zu einem ganz ähnlichen Ergebnis kommt übrigens auch Udo Vetter.

Rechtsprechung

Ich glaube, an niemandem von uns ist in den letzten Tagen das norwegische Attentat spurlos vorbeigegangen. Zwanzigstöckige Hochhäuser komplett entglasen und dann noch mal knapp 15% eines 600 – Mann – Zeltlagers wegknallen …… das ist für einen Einzeltäter schon eine unglaublich erschreckende und schreckliche Tat. Ich kann verstehen, daß es Menschen gibt, die in spontaner Reaktion fordern, solch einen Täter einfach umgehend an die Wand zu stellen — auch wenn das nicht gerade rechtstaatlich ist.

Die Frage, die mich in diesem Zusammenhang tatsächlich nun intensiv beschäftigt ist: wie geht man mit solch einem Täter um ?  Er möchte sich bei seiner Aussage vor Gericht morgen erklären. Gibt man ihm eine solche Plattform, oder führt man die Verhandlung unter Ausschluß der Öffentlichkeit ?  Führt das nicht wieder zur Legendenbildung ?  Aber wäre ein ausgiebiger öffentlicher Vortrag nicht eine weitere harte Belastung der Hinterbliebenden ?  Wie will man sachlich über solch eine Tat urteilen ?  Versucht man tatsächlich, sich ernsthaft und tief mit seinen Motiven auseinanderzusetzen, oder erklärt man ihn für unzurechnungsfähig und versenkt ihn ernsthaft und tief in einer geschlossenen Anstalt ?

Wie baut man einen Prozeß so auf, daß der Täter auch in Randbereichen der Gesellschaft nicht als Held oder Märtyrer wahrgenommen wird, sondern eben als Wahnsinniger ?

Für Norwegen ist das Grauen, so fürchte ich, noch lange nicht vorbei.

Allen Beteiligten wünsche ich Kraft.

Viel Kraft.

Sie werden sie brauchen.

Alles was machbar ist, wird auch gemacht

Eigentlich war es doch zu erwarten: in Dresden hat die Polizei über 1.000.000 Handydaten innerhalb eines Wochenendes gesammelt, komplette Bewegungsprofile erstellt, um Demonstrationsrandalierer bestrafen zu können. Ob ein solches Vorgehen verhältnismäßig ist oder legal, hat dabei wohl keinerlei Rolle gespielt. Es ist technisch möglich, die Infrastruktur wurde dafür geschaffen, also nutzt man das auch — ist doch klar. Die Investition muß sich ja auch lohnen. Immerhin konnten dadurch einige Sachbeschädiger dingfest gemacht werden. Ein paar 10.000 normale Dresdner Bürger wurden dafür auch überwacht, aber sowas nennt man wohl Kollateralschaden.

Daß überhaupt die Möglichkeit bestand, so großflächig Handydaten zu sammeln, liegt am Gesetzt, die einen solchen Einsatz für besonders schwere Verbrechen erlaubt. Besteht aber technisch die Möglichkeit, wird der Begriff „schweres Verbrechen“ ganz schnell ausgedehnt und ruck-zuck sind solche Methoden Alltag, ähnlich wie es heute beispielsweise für die „freiwilligen“ Massengentests gilt.

Der größte Feind der im Grundgesetz verbrieften Rechte und Freiheiten ist heute der Staat und deren Vertreter. Unter vorgeschobenen Argumenten wird das Persönlichkeitsrecht des Einzelnen immer weiter ausgehöhlt. Ähnliches haben wir ja auch bei der Diskussion um Vorratsdatenspeicherung und Zugangssperren im Internet erlebt. Erst sollten sie nur gegen Terroristen und Kinderpornographie eingesetzt werden (wobei man in einer ruhigen Minute mal ganz ruhig den Begriff Terrorist im heutigen Sprachgebrauch klären sollte), dann kamen findige Politiker auf immer neue Ideen, wofür man diese Instrumente noch alles einsetzen könnte. Wir können uns sicher sein, daß, sobald diese Technik final installiert ist, wir sehr schnell wegen der abstrusesten Gründe den Einsatz erleben werden.

Es geht nämlich nicht um Sicherheit, sondern um Macht.

Die Dresdner Vorfälle haben wieder einmal sehr deutlich gezeigt, daß man von vorne herein die Installation von Massenüberwachungstechnik verhindern muß. Egal für welchen Grund. Steht die Technologie erst einmal zur Verfügung, so wird sie letztlich für jeden noch so kleinen Grund eingesetzt werden.

Abhilfe könnte weiterhin das Verbot von unrechtmäßig zustandegekommenen Beweisen vor Gericht schaffen. Perfiderweise ist es nämlich so, daß Erkenntnisse, die auf illegale Weise gesammelt wurden, vor Gericht trotzdem verwertet werden dürfen. Brechen also Staatsvertreter bei der Beweissammlung reihenweise Gesetze, so fangen sie sich vielleicht ein mahnendes „Dududududu !“ ein, können diese Beweise aber trotzdem ungehindert nutzen.

Ich halte unser Grundgesetz für ein ziemlich gutes Stück Recht. Wir alle sollten es schützen — auch vor unseren Politikern.

Über Katastrophen und Katastrophen

Zur Zeit geht gerade die EU unter. Alle weiteren Nachrichten müssen dahinter zurückstecken. Griechenland ist pleite und für uns alle bedeutet das den Untergang des Abendlandes. Davor starb ganz Deutschland den EHEC – Tod. Davor … Moment mal, was war eigentlich davor ?  Das hat man ja schon fast wieder vergessen. Ach ja. Fukushima. Und dann ?  Puh. Keine Ahnung.

Täglich geht die Welt unter und vor lauter Untergangsszenarien kommen wir kaum noch mit. So lange, bis wir selbst betroffen sind. Also wirklich betroffen. Nicht, daß wir in die Apotheke rennen, um eine Großpackung Jodtabletten zu kaufen, weil in Japan Atomreaktoren explodiert sind. Oder weil wir auf die für kurze Zeit fast sprichwörtlichen Gurken, Salat, Tomaten verzichteten (um uns dann sagen zu lassen, daß das sowieso Quatsch war, weil es die Sprossen sind, die Unheil bringen). Nein, bis wir wirklich betroffen sind, ganz persönlich.

Interessant ist beispielsweise, daß wir, wenn wir an das Unglück in Japan denken, sofort die Atommeiler vor Augen haben. Wahrscheinlich, weil sie diese große Angst vor dem Unfaßbaren symbolisieren. Daß die Atomkatastrophe aber von einem Erdbeben mit Tsunami verursacht wurde, die viele tausend Menschen in den Tod rissen und Städte komplett verwüsteten, das ist ein wenig untergegangen. Klar, das haben wir drei Tage lang in den Nachrichten gesehen, aber dann wurden diese Bilder von den immer gleichen Hubschrauberrundflügen um Fukushima verdrängt.

Heute habe ich lange mit einem Freund telephoniert. Der war in Japan. In Oshika. In einer Stadt, die durch Beben und Tsunami komplett ausgelöscht wurde. Er hat dort seine schwangere Freundin verloren, konnte sie nicht festhalten, als eine riesige Schlammlawine auf die beiden zukam. Das ist jetzt drei Monate her, aber für ihn, für ihn ist es gerade erst passiert. Und er fühlt sich schuldig, weil er nicht die Kraft hatte, sich und die Freundin festzuhalten.

Ich glaube, daß wir oft dazu neigen, vor lauter Aufregung die eigentliche Katastrophe zu übersehen. Und daß wir ganz schnell abstumpfen und eine neue Katastrophe haben wollen.

Ich will mich davon gar nicht freisprechen, erinnere mich, daß ich vor 18 Jahren das Wort Sarajevo nicht mehr hören konnte. So lange, bis ich plötzlich mitbekam, was es bedeutet, wenn ein Freund abgeschossen wird.

Vor kurzem schon schrieb ich, daß sich unsere Gesellschaft zu einem Volk wild gackernder, aufgescheuchter Hühner entwickelt hat, die völlig kopflos umherrennen. Wir sollten ruhiger werden. Ruhiger und aufmerksamer. Den Liveticker im Rechner wegklicken. Und uns statt dessen um die Menschen um uns herum kümmern. Wir sollten wieder zu Menschen werden, zu ruhigen, besonnenen und mitfühlenden Menschen. Das würde uns alle viel weiterbringen.

Blutspenden

Die Berichterstattung über EHEC in den letzten Tagen hat einmal mehr das Blutspenden in den Fokus gerückt … und das ist gut so. Etwa 80% aller Bundesbürger benötigen wenigstens einmal in ihrem Leben Blutkonserven (auch ich übrigens schon), allerdings spenden weniger als 3% Blut; das ist ein krasses Mißverhältnis und so ist Deutschland auch Blutimporteur.

Blutspenden ist kein großer Akt und die meisten könn(t)en das auch ohne weiteres. Ich persönlich finde, daß der schlimmste Moment der ist, wenn man zuhause wieder das Pflaster abzieht, weil es dann so an den Haaren ziept. Der Zeitaufwand beträgt etwa eine Stunde (beim ersten Mal durch die Voruntersuchung knapp zwei Stunden). Je nach Institut bekommt man etwas Geld (beim UKE in Hamburg sind das zur Zeit ab der zweiten Spende 20,00€ plus 3,00€ Fahrtkostenzuschuß, den man auch schon bei der ersten Spende bekommt), immer jedoch sind Getränke und ein kleiner Imbiß (im UKE belegte Brote und Brötchen, Obst, Würstchen mit Kartoffelsalat) verfügbar.

Alle Blutspendeorganisationen mögen am liebsten Leute, die ganz regelmäßig alle acht bis zehn (Männer), bzw. zwölf bis vierzehn (Frauen) Wochen vorbeikommen, weil das das Blutaufkommen kalkulierbar macht, aber auf der anderen Seite: besser unregelmäßig als nie :-)  Gerade jetzt im Sommer zu Beginn der Reisezeit ist ein guter Moment, um Blut zu spenden, weil dann urlaubsbedingt weniger Leute zum Spenden gehen, aber trotzdem welches benötigt wird. Also überwindet Euren inneren Schweinehund, informiert Euch und geht hin. Ein kurzes Informationsvideo des UKE, sowie einen Fernsehbeitrag der Hamburger Fernsehsenders Tide findet Ihr unten.

Vor einiger Zeit schrieb ich auch schon mal über Organspenden. Auch dieses Thema ist natürlich immer noch wichtig. Informiert Euch auch da.

Gesellschaft der aufgescheuchten Hühner

Der EHEC – Virus ist los ! Große Katastrophe ! Warum tut die Kanzlerin nichts ? Warum schickt die UNO keine Truppen ? Aber der Verbraucher reagiert: täglich werden zur Zeit in Deutschland frische Lebensmittel im Wert von etwa drei Millionen Euro (3.000.000,00€) vernichtet, weil der Kunde sie nicht mehr kauft. Im Einzelhandel werden selbst Bananen (!) mit dem Hinweis auf EHEC verschmäht.

Blenden wir einmal zurück: da gab es Vogelgrippe und Schweinegrippe. Die Presse sagte den Tod der Nation voraus, passiert ist relativ wenig. Zu Hochzeiten von Fukoshima waren in Deutschland die Jodtabletten ausverkauft (deren unkontrollierte Einnahme übrigens gesundheitsschädlich sein kann). Nun warnt die Stromlobby vor großflächigen Blackouts wegen der Abschaltung von Atomkraftwerken bis 2021 (eine Situation, die bis vor einem halben Jahr noch Gesetz war). Ach so, ja, und jetzt also EHEC.

Vielleicht versucht man mal, das Ganze in Relationen zu setzen. Stand jetzt sind an dieser Krankheit in zwei Wochen 19 Menschen gestorben. Das ist ganz sicher dramatisch für alle Beteiligten, überhaupt keine Frage. Im Straßenverkehr sterben jeden einzelnen Tag elf Menschen, ohne daß wir jetzt alle auf das Auto verzichten würden (und diese Zahl ist sensationell wenig, vor einigen Jahren waren es noch viel mehr). An der Grippe sterben jedes Jahr (ja nach Stärke der Welle) zwischen 10.000 und 25.000 Menschen, also umgerechnet am Tag 27 bis 68. An Grippe. Waschen wir uns häufiger die Hände deshalb ? Nein. Etwa 150 Menschen sterben am Tag (!), weil sie rauchten. Wird deshalb weniger geraucht ? Kaum.

Aber wegen EHEC essen wir nun alle keine Gurken mehr (die man übrigens durch sorgfältiges Waschen durchaus auch vom Erreger befreien könnte). Blödsinn.

Mir ist natürlich klar, daß die Medien immer wieder neue Sensationen brauchen, um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen und ihr Überleben zu sichern. Aber müssen wir deshalb alles unkritisch annehmen, was die Schreiberlinge uns vorsetzen und kopflos wie aufgescheuchte Hühner gackernd durch unser Leben rennen ?

Wer beispielsweise mal versucht hat, Salat mit organischem Dünger zu düngen wird festgestellt haben, daß er dann leicht verbrennt. Ist also damit zu rechnen, daß die Bauern Salat mit Tierkot düngen ? Nein. Salat wird mit mineralischem Dünger gedüngt. Wie also soll EHEC auf Salat kommen ? Maximal, indem Salat mit ungeklärtem Abwasser gewässert wurde. Allerdings wurde bisher auf Salat kein EHEC nachgewiesen. Trotzdem bekommen wir gepredigt, Salat neben Gurken und Tomaten nicht zu essen.

Von 81.000.000 Einwohnern Deutschlands sind in den letzten zwei Wochen 19 an EHEC gestorben. Wenn man es etwas krasser möchte: in Hamburg sind von 1.700.000 Einwohnern knapp 500 erkrankt, 12 gestorben (wobei das Verhältnis schon wieder nicht stimmt, weil viele davon aus dem Umland kommen, also keine Einwohner Hamburgs sind). Nochmal: das ist für jeden einzelnen von ihnen und für deren Angehörige ganz sicher sehr dramatisch. Trotzdem kann es doch wohl nicht ernsthaft Grund dafür sein, daß zur Zeit ganze Heerscharen von Menschen komplett auf frisches Obst & Gemüse verzichten.

Atmen wir also mal tief durch, erinnern wir uns an ganz grundlegende Regeln der Essenshygiene und dann nichts wie los in den Supermarkt, en gross Tomaten aus dem Sonderangebot gekauft, daraus sehr günstig köstliche Tomatensauce gekocht und eingefrostet.

Guten Appetit.

Stuttgart 1960

Heute war ich unter anderem auch in Stuttgart, bei einer Vorbesichtigung. Auf dem Rückweg nach Hause wartete ich eine halbe Stunde am Bahnhof auf meinen Zug und während ich da so saß und mich umschaute machte ich mir so meine Gedanken zum Stuttgart 21 – Projekt. Zugegeben, die Diskussion darum kann ja kaum noch jemand hören, aber nun war ich halt gerade mal da.

Wenn man ehrlich ist, dann sind weite Teile des Stuttgarter Bahnhofs pottenhäßlich. Klar, viele Bahnhöfe strahlen nicht gerade vor Schönheit, aber dieser hier ist für einen Großstadtbahnhof schon reichlich … um. Ein paar Gedanken zur Umgestaltung täten schon mal ziemlich Not. Und wenn ich mir jetzt das Umfeld des Warschauer Bahnhofs anschaue (der jetzt auch echt häßlich ist, aber seit Jahrzehnten fast komplett unter der Erde, so wie das in Stuttgart auch geschehen soll), dann finde ich die Idee des unterirdischen Bahnhofs ziemlich klasse. Man hat keine fette Gleistrasse mitten in der Stadt, sondern reichlich Platz. Ehrlicherweise fand ich die Idee des fast unsichtbaren Bahnhofs schon vor vielen Jahren toll, als ich das erste Mal in Warschau war.

In Stuttgart finde ich es schon bemerkenswert, daß sich viele, viele Jahre lang keine Sau für die Planungen des neuen Bahnhofs interessierte, aber dann das große Aufschreien kam, als die Bauarbeiten anfingen. Das ist eigentlich ja ein wenig spät und nur die Tatsache, daß Politiker rückgratschwache Menschen sind erklärt, daß da wieder herumgefeilscht wird. Eigentlich hätte man Gorbatschow zitieren müssen: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“

Auf der anderen Seite kann man sich natürlich fragen, ob ein so gigantisches Projekt wie der Komplettneubau eine sinnvolle Investition ist, wenn man notorisch herumstöhnt, daß ja kein Geld da sei. Aber diese Frage hätte man vor einigen Jahren auch schon stellen können und eine große Mehrheit der Bevölkerung war aber da zu diesem Zeitpunkt Eis essen, oder beim Kegeln; jedenfalls nicht demonstrierend auf der Straße. Also scheint das so wichtig nicht gewesen zu sein.

Ich selbst glaube schon, daß ein kostenexplosiver Neubau nicht in die heutige Zeit paßt. Auf der anderen Seite vermisse ich aber ganz stark Politiker, die eine klare Linie verfolgen und die genau so klar voranschreiten. Dieses Herumgeeiere ohne Eier jedoch, das finde ich ziemlich doof. Mindestens genauso doof wie den derzeitigen Zustand des Stuttgarter Bahnhofs.

Feuer frei !

„Ich bin heute erst einmal hier, um zu sagen: Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten.“

So äußerte sich heute unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel bei Ihrer Pressekonferenz zu diesem Thema. Und dieser Satz paßt genau zu der Entwicklung, die seit einiger Zeit bei unseren Regierenden zu beobachten ist: weit weg vom Grundgesetz.

Osama bin Laden mag beschuldigt sein, unter anderem die Anschläge vom 11.09.2001 in Auftrag gegeben zu haben. Allerdings befinden wir uns — man kann es bei einer solchen Äußerung kaum glauben — in einem Rechtstaat. Und da muß auch, muß gerade auch ein Mann wie bin Laden solange als unschuldig gelten, bis er rechtskräftig verurteilt ist. Sonst könnte man sich auch irgendwann mal darüber freuen, daß Mörder, Kinderschänder, Räuber, unfähige Politiker erschossen werden. Ohne Verfahren. Gerade von der Bundeskanzlerin als Cheffin des Berliner Kasperletheaters hätte man diese Sensibilität erwarten können. Auf der anderen Seite zeigt es leider einmal mehr, daß man von dieser Kanzlerin gar nichts mehr erwarten kann.

Schon die Formulierung während Obamas Pressekonferenz (bin Laden wurde nicht „during“, sondern „after“ einem Feuergefecht erschossen) hatte mich stutzig werden lassen; mittlerweile melden die Agenturen ganz offen, daß der Einsatz ein Tötungskommando, eine Verhaftung sei nicht vorgesehen gewesen sei (beispielsweise hier). Das paßt zur amerikanischen Rambo – Mentalität und macht dieses Land, das immer voller Pathos von sich behauptet, „freedom and justice“ in die Welt bringen zu wollen, einmal mehr unglaubwürdig.

Ich verabscheue Terrorismus jeder Art aufs Tiefste. Wir können Terrorismus aber nur dann wirklich wirkungsvoll bekämpfen, wenn wir uns nicht der selben Methoden bedienen, wenn wir die Basis unseres Wertesystems nicht während des Kampfes preisgeben. Von daher hätte Osama bin Laden verhaftet und vor ein Gericht gestellt werden müssen und nicht einfach erschossen. Das ist einer westlichen Demokratie unwürdig.

Bin Laden war in der heutigen Welt des islamisch – orthodox – motivierten Terrorismus‘ zwar ein Vorbild, aber längst aus dem Tagesgeschehen herausgedrängt; er spielte nur noch eine untergeordnete Rolle. Selbst ein verstecktes Weiterleben hätte die Welt nicht wirklich unsicherer gemacht. Die Hinrichtung bin Ladens hingegen wird Hunderte verblendete Menschen motivieren, seinen Tod zu rächen. Somit war diese Mission der Startschuß für eine noch unruhigere Zukunft; sie war der dumme, unvernünftige, animalische Reflex einer Nation, die sich als unentwickelte Zivilisation gezeigt hat. Die Mission machte die Welt nicht zu „a better place“, sondern öffnete die Schleusen zu einer neuen Runde von Gewalt und Gegengewalt.

Schließen wir nun den Bogen wieder zu Frau Merkel. Meiner Meinung nach sollte diese Dame nach so einer euphorischen Äußerung vom Verfassungsschutz überwacht werden. Und mit ihr einige andere Politiker, die heute bewiesen haben, daß sie das Gerüst des Staates, den sie vorgeblich vertreten, schon lange nicht mehr ernstnehmen.

atomare Merkwürdigkeiten

Gestern abend sprach mich vor dem Supermarkt eine junge Frau an: ob ich denn nicht auch unterschreiben wolle für eine sofortige Abschaltung aller Kernkraftwerke. Und auch wenn ich gegen Kernenergie bin, so bin ich doch nicht so naiv um zu glauben, daß man heute einfach mal am besten weltweit alle Kernkraftwerke abschalten kann. Da hätten wir spätestens an windstillen Winterabenden ein Problem.

Mal abgesehen von der Frage, ob man denn einfach heute abschalten kann, beschäftigen mich in diesem Zusammenhang aber zwei andere Punkte. Viele schreien jetzt, daß Atomkraft weg muß, am besten sofort, spätestens aber morgen. Das wäre ja gundsätzlich möglich. Ganz individuell. Genug Ökostromanbieter gibt es ja schon seit Jahren. Trotzdem, und darüber täuscht der derzeitige Medienhype ein wenig hinweg, liegt der Anteil von Ökostromverträgen insgesamt immer noch im einstelligen Bereich. Wenn wir also alle keine Kernenergie mehr haben wollen, dann sollten wir einfach mal massiv den Stromvertrag wechseln; nicht nur privat, sondern auch in unseren Betrieben. Das wäre ja ein klares Zeichen, das die Stromindustrie sofort verstehen würde.

Daß es in Deutschland zur Zeit generell eine dagegen! – Stimmung gibt, aber wenig konstruktive Auseinanersetzung mit den Themen, läßt sich ja auch daran sehen, daß bei aller Ablehnung von Kernkraft die Leute nicht nur ihre Stromverträge nicht wechseln (da müßte man ja aktiv was tun, huch), sondern beim Bau der notwenigen Infrastruktur für grünen Strom auch massiv protestieren. Das ist wie bei anderen Punkten: keiner will Handymasten vor der Tür stehen haben, aber alle wollen sie immer und überall telephonieren; keiner will Flugzeuge über seinem Haus, aber alle woll’n se nach Mallorca. So auch hier: wenn ich keine Kernkraftwerke will, dann muß ich halt Windräder und Stromleitungen zum Transport des dezentral erzeugten Stroms akzeptieren. Einfach gegen alles zu sein ist zu billig.

Und dann irritiert mich ja diese ganze chaotische Kanzlerbesprecherei mit Ausstiegskonzepten und Kosten. Das gibt es doch alles lange und war auch schon mal beschlossen. Bis vor einem halben Jahr war der Atomausstieg zum Jahr 2020 Gesetz, die Konzepte dafür waren da. Die werden sich doch jetzt nicht plötzlich alle in Luft aufgelöst haben und keiner kann sich mehr daran erinnern. Ich hege den starken Verdacht, daß der ganze Wirbel zur Zeit nur deshalb gemacht wird, um dem Endverbraucher höhere Kosten schmackhaft zu machen, damit die Industrie den fetten Gewinn, den die Laufzeitverlängerung gebracht hätte, nun halt mit dem Umstieg einfahren kann. Ich fühle mich ganz grob verarscht. Warum nimmt man nicht einfach den Status Quo des letzten Jahres und macht da einfach weiter, wo man aufgehört hat ?  Das kann gar nicht so schwer sein.