Archiv für das Themengebiet 'Theater'




Was Ihr wollt

Ein Beitrag zum Themengebiet Theater, geschrieben am 20. März 2012 von Markus Sorger

Gestern Abend kam ich zufällig auf dem Weg zur U-Bahn am Thalia Theater vorbei, eigentlich stand für den Abend Kino auf dem Programm, doch dann fiel die Entscheidung spontan anders: „Was Ihr wollt“ von Shakespeare hatte ich noch nie gesehen, ehrlicherweise war noch nichtmal die grobe Handlung bekannt und da Kultur nie schadet, wurde der Plan geändert.

Als sich der Vorhang hob, gab es ein quitschbuntes Wald – Bühnenbild, sieben Schauspieler und einen Musiker mit ’nem Rhodes auf der Bühne und daran sollte sich die folgenden zwei Stunden netto Spielzeit auch nichts ändern. Alle Personen waren immer auf der Bühne (eine Schauspielerin ist hier nicht auf dem Bild, weil sie zu Anfang ganz still und unauffällig am linken Bühnenrand saß und ich sie zum Zeitpunkt des Photos noch nicht entdeckt hatte, was sicher im Sinne des Regisseurs lag), es gab nur dieses eine Bühnenbild und wer Angst hätte, daß sich dadurch zu wenig Möglichkeiten ergeben, dem kann diese Angst spontan genommen werden. Am Ende des Abends sah die Deko zwar etwas verwüsteter aus, aber sie war perfekte Kulisse für perfektes Schauspiel.

Nicht nur im Bühnenbild wurde gespart, auch bei der Besetzung wurden einige Rollen zusammengelegt, es war also gewissermaßen ein Kammerspiel, die Umsetzung aber grandios. Wenn Mirco Kreibich das Zwillingspaar Viola und Sebastian gibt, dann macht er das so unglaublich überzeugend und so perfekt, daß jederzeit klar ist, welche Rolle er da nun gerade spielt. Es tut auch nichts zur Sache, daß er dann gerade einen BH trägt, wenn er in den männlichen Part schlüpfen muß, aufgrund seiner Körpersprache weiß man immer, woran man ist. Auch Karin Neuhäuser hat neben Narr und Zofe noch andere Kleinrollen übernommen und sie entwickelt daraus in ihrer schnodderigen, herrlichen Art so etwas wie die Klammer, die das ganze Stück zusammenhält.

Die Inszenierung von Jan Bosse folgt ganz sicher nicht der Textvorlage und ich kann mir vorstellen, daß der Lehrer der Schulklasse, die mit im Zuschauerraum saß, vielleicht nicht ganz glücklich war über das, was an witzigen und oft spontan scheinenden Dialogen da von der Bühne kam. Ehrlicherweise fing das Stück erst so an, wie ich Shakespeare erwarten würde, kam aber dann in Fahrt und entwickelte einen unglaublichen Drive, bei dem es großen Spaß machte, ihm zuzuschauen und zu hören. Allein das Ende … die letzten fünf Minuten brachen dann doch etwas zusammen. Ich hatte den Eindruck, daß Bosse im Schluß das versuchen wollte, was es den ganzen Abend bislang (…zum Glück…) nicht gegeben hatte: große, ernsthafte, seriöse Kunst mit Anspruch. Ja, zugegeben, die Inszenierung war oft mehr Slapstick und Klamauk als „seriöses“ Theater; das aber extrem gut umgesetzt, sodaß ich eine echte Freude daran hatte. Der Versuch, auf den letzten Metern dann doch noch Tiefgang zu wagen, ist in meinen Augen aber gefloppt.

Nichtsdestotrotz war es ein vergnüglicher Abend mit einem herausragenden Ensemble. Und allen, die glauben, daß ein Theaterbesuch teurer als der Gang ins Kino sein muß, sei gesagt: das Ticket kostete nur 13,00€, viel billiger wäre ein aktueller Film auch nicht geworden. Ein Theaterbesuch loht sich also allemal.

Siegfrieds Abschied im Park

Ein Beitrag zum Themengebiet Theater, geschrieben am 14. August 2011 von Markus Sorger

Dieser verregnete Sommer ist nicht nur fürs Gemüt schlecht, sondern auch für die Kultur. Im Hamburger Wohlerts Park spielen nämlich die Elfen im Park bei halbwegs gutem Wetter regelmäßig Theater, dieses Jahr die Nibelungensage den Nibelungen – Clan. Dabei zeigen die Elfen, daß sie echte Profis sind und auch eine komplexe und spannende Geschichte nicht so zerfasern müssen wie Hebbel, der zwei Abende braucht, um die Geschichte zu erzählen, oder gar Wagner, bei dem man an vier Abenden sich insgesamt 16 Stunden den Hintern plattsitzt. Nein, in gut anderthalb Stunden ist die Geschichte erzählt und alle wichtigen Fakten (und noch einiges mehr) sind drin. Was will man mehr ?!?

Das Theater ist eine Weggabelung im Park und weit über eine Stunde bevor der Vorhang sich hebt die Akteure den Platz betreten kommen schon die ersten Zuschauer, um sich die besten Plätze zu sichern. Die Erfahrenen haben Decken, Klappstühle und Picknickkörbe mitgebracht und so beschränkt sich die Kultur des Abends nicht nur aufs Theater, sondern wird perfekt durch Speis‘ und Trank (bei mir verschiedene Käsewürfel, Frikadellen und Weintrauben an eisgekühltem Prosecco) ergänzt. Mithin ist der Genuß also weit stärker, als in der Staatsoper oder im Schauspielhaus beispielsweise.

Wenn Ihr nun ein Bild weiter oben die hochgewachsen‘ Gestalt Siegfrieds seht, oder hier die bezaubernde Kriemhild und unten links Brünhilden, so ist doch klar, daß diese Inszenierung derer in Worms mit nichts, aber auch gar nichts nachsteht, sie eher noch glänzend übertrumpft. Auch deshalb, weil das Theaterstück an passenden Stellen mit musikalischen Einwürfen perfekt ergänzt wird.

Die Elfen im Park verstehen es mal wieder (und angeblich dieses Jahr zum letzten Male, ich hoffe aber da noch auf Erbarmen oder Einsicht), klassisches Theater so umzusetzen, das es großen, großen Spaß macht. Ich habe mich auf jeden Fall bestens unterhalten gefühlt. Heute Abend gibt es die allerletzte Vorstellung, ich drücke den Schauspielern beide Daumen, daß es trockenes Wetter gibt und empfehle allen rund um Hamburg, sich das Stück unbedingt anzuschauen.

Der Eintritt ist übrigens frei; nach der Vorstellung geht ein Hut rum, in den man steckt, was einem der Abend wert war.

Auf ins Theater

Ein Beitrag zum Themengebiet Theater, Veranstaltungstips, geschrieben am 14. November 2010 von Markus Sorger

Vor knapp zwei Jahren sah ich die Theater – Inszenierung von Krabat im Hamburger Schauspielhaus und war schlichtweg begeistert. Nun wird das Stück ab dem 23.12. wieder gegeben und ich kann den Besuch dieser Aufführung nur wirklich sehr, sehr, sehr (!) empfehlen. Selbst Leute, die nicht ganz so nah an Hamburg wohnen sollten sich überlegen, doch einfach einen Ausflug hierhin zu machen. Und das gilt ausdrücklich nicht nur für etwas ältere Kinder und Jugendliche, sondern auch ganz klar für Erwachsene. Schaut Euch meinen Bericht an, in dem es am Ende auch ein Video gibt und bucht schnell Karten.

Basta !

Ein Beitrag zum Themengebiet Theater, geschrieben am 15. August 2009 von Markus Sorger

Copyright: Robert Lechtenbrink

Gestern Abend war ich in den Hamburger Kammerspielen, um mir Pasta e Basta anzuschauen. Was ist das für ein Stück …… nun …… es hat eigentlich keine Handlung, keinen Tiefgang und statt dessen ist es …… schön blöd. Herrliche Unterhaltung. Boulevard auf Italienisch.

Die Geschichte ist tatsächlich sehr schnell erzählt: sie spielt in der Küche eines italienischen Restaurants, in der zwar auch gekocht wird (jeden Abend kocht hier ein richtiger Hamburger Koch für einige der Gäste), ansonsten die Küche aber doch ziemlich ins Hintertreffen gerät und statt dessen gesungen wird. Unter der Anrichte steht ein Flügel. Das kann natürlich nur so lange gutgehen, bis die gestrenge Dame vom Gesundheitsamt kommt, die allerdings durch italienischen Schmelz letztlich alles durchgehen läßt und großer Fan des Restaurants wird. Fertig. Fertig ?  Ja, fertig, das ist die ganze Handlung. Die wird allerdings so gut, so witzig und so unglaublich motiviert gesungen vorgebracht, daß es auch gar nicht weiterer Handlung bedarf. Die würde nur die pointierten Dialoge, die Gesten und eben die hervorragend ausgewählten Gesangsparts stören. Ihr könnt sicher sein, daß jedes italienische Klischee, jede italienische Schnulze gekonnt und mit Schwung durch den Kakao gezogen wird.

Alle Beteiligten spielen ihre Rolle herrlich übertrieben, alle singen hervorragend und alle nehmen sich dabei nicht Ernst.

Ein toller Abend also, den man nur noch am heutigen Samstag und dann erst wieder im Oktober erleben kann. Unbedingt Karten sichern !

Krabat im Deutschen Schauspielhaus

Ein Beitrag zum Themengebiet Theater, geschrieben am 1. Januar 2009 von Markus Sorger

Wer das Buch Krabat von Otfried Preußler kennt weiß, daß es eigentlich keinen besseren Tag als ausgerechnet Silvester gibt, um es zu lesen — oder eben zu sehen. Nach dem für mich recht enttäuschenden Film starteten wir also gestern Nachmittag den Versuch im Deutschen Schauspielhaus.

Schon nach Öffnen des Vorhangs mit dem Krabat – Schriftzug hatte ich das Gefühl, daß es eine gute Inszenierung werden würde. Es erwartete uns kein überladenes Bühnenbild, kein buntes Kindertheater, sondern eine faktisch leere Bühne, nur mit Mühlrad, Meister und Krabat.

Die Verwandlungen des Bühnenbildes erfolgten in der Mehrheit nicht durch einfliegende Kulissen aus der Obermaschinerie, sondern durch den offenen Einsatz der Untermaschinerie: Drehbühne und Hubpodien veränderten im Wesentlichen das Bild in dem Stück, das ohne Unterbrechungen, ohne Vorhänge gespielt wurde. Mit geprägt wurde die Inszenierung durch musizierende Knappen, die den Rhytmus, die Dynamik der Mühle unterlegten und dem ganzen einen guten Drive gaben.

Natürlich mußte es Anpassungen des Buches an die Bühne geben. Die wurden aber nach meinem Geschmack deutlich geschickter, schlüssiger gelöst als im Film: aus drei Jahren wurden zwei, aus zwölf Knappen sieben und aus der Kutsche des Herrn Gevatter wurde eine knochige Hand, die in den Vollmondnächten die Knochen zum mahlen brachte.

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„Huhu Erol“

Ein Beitrag zum Themengebiet Theater, geschrieben am 26. August 2008 von Markus Sorger

Am Sonntag war ich das erste Mal bei den Karl May Festspielen in Bad Segeberg (Wikipedia). Ich fand als Kind ehrlicherweise die Bücher von Karl May ziemlich langweilig. Trotzdem war ich als Ruhrgebietler natürlich Besucher der Festspiele in Elspe (Wikipedia); zumal dort ja auch der legendäre Pierre Brice die Hauptrolle spielte. Die Segeberger Spiele sind im Norden natürlich sehr bekannt und so muß man dort einfach mal hin.

Interessant für mich war, daß im Publikum nicht nur Familien mit Kindern, sondern auch erwachsene Männer mit Cowboyhüten und … Freundinnenrunden saßen. Letztere winkten Winnetou – Darsteller Erol Sander bei seinen Ausritten durchs Publikum auch schon mal zu und versuchten mit „Huhu Erol !“ die Aufmerksamkeit des gutaussehenden Schauspielers auf sich zu lenken. Schon witzig.

Das Stück, wirklich nur sehr frei nach Karl May, ist eine aufwendig und schön inzenierte Unterhaltung für die ganze Familie. Auf der einen Seite schon etwas schnulzig mit teilweise doch sehr eindeutig choreographierten Kämpfen, sieht man auf der anderen Seite schon die Liebe zum Detail, mit der man in Bad Segeberg arbeitet. Dabei wird an Special Effects nicht gespart und neben zahlreichen Pferden kommen auch dressierte Falken und Papageien zum Einsatz.

Die Vorstellung war trotz des nicht ganz beständigen Wetters völlig zu Recht gut besucht und wenn man vor der Vorstellung etwas früher kommt, so kann man umliegend nicht nur ein Indianerdorf, sondern auch Kalkhöhlen und eine Fledermausanlage besuchen. Ich selbst sah die sonntägliche Nachmittagsvorstellung und kann mir vorstellen, daß gerade Abends die schöne Atmosphäre im ehemaligen Kalksteinbruch besonders gut zur Geltung kommt. In diesem Jahr gibt es noch an den folgenden zwei Wochenenden Vorstellungen zu „Winnetour und Old Firehand“, im nächsten Jahr wird — wie auch in Elspe — der Klassiker „Der Schatz im Silbersee“ gespielt.

Kultur im Park

Ein Beitrag zum Themengebiet Theater, geschrieben am 25. Juli 2008 von Markus Sorger

Nach dem Unterwäschen – Kulturschock tat echte Kultur richtig gut. Zumal wenn sie so gekonnt dargeboten wird, wie von den Elfen im Park. Dieses alternative Theaterensemble spielt nicht in einem Theater, sondern im Sommer auf dem Mittelplatz des wunderschönen Wohlersparks zwischen St. Pauli und Altona. Was bei so angenehmem Wetter wie gestern ein echter Genuß ist.

Gezeigt wird in diesem Jahr das Stück Verlorene Liebesmüh von William Shakespeare in einer zugegebenerweise etwas …… nennen wir’s „aktualisierten Fassung für Straßentheater“. Was dem Stück aber deutlich keinen Abbruch tut.

Wer bei OpenAir – Theater jetzt an lange ausverkaufte Vorstellungen, Stühle und vornehmes Ambiente denkt, liegt hier völlig daneben: der Abend ist ein gemütliches Picknick auf mitgebrachten Decken mit hoffentlich gut gefüllten Körben. Das Publikum hockt und steht rund um die Spielfläche, einzig das begleitende Trio aus Schlagzeug, Saxophon und Bratsche steht improvisiert überdacht. Auch gibt es keine Umzäunung oder gar Eintritt; in bester Straßentheatertradition zahlt jeder am Ende so viel, wie er kann und will. Dabei wird durchaus eine komplette Inszenierung mit guten Schauspielern geboten.

Wer sich diesen vergnüglichen Abend auch noch gönnen möchte, der hat noch bis Sonntag und dann am 31.07., 01. – 03.08. und 07. – 10.08. die Gelegenheit dazu. Park und Ensemble sind auf jeden Fall einen Besuch wert.

Jim Knopf und Lukas im Staatstheater Mainz

Ein Beitrag zum Themengebiet Theater, geschrieben am 26. Dezember 2007 von Markus Sorger

Szenenbild aus Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer im Staatstheater Mainz

Rund um Weihnachten entsinnen sich bundesweit alle Theater ganz plötzlich ihrer zukünftigen Klientel und spielen Kinderstücke. Im Staatstheater Mainz gab es dieses Jahr Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer von Michael Ende. Vorweg: die Inszenierung hat mir unter’m Strich sehr gut gefallen. Die Schauspieler waren motiviert und hatten sichtbar Lust am Spielen. Auch die musikalische Begleitung durch einen wirklich guten Akkordeonisten war gelungen.

Szenenbild aus Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer im Staatstheater Mainz

Richtig gut war auch das Bühnenbild. Bei den ganzen Lokomotiven, Drachen und Vulkanen ist der Bundesumsatz an Nebelmaschinen sicher deutlich nach oben gegangen. Als Techniker störte mich nur die Leistung der Lichtabteilung. Die Flächen waren nicht immer sauber ausgeleuchtet; es gab Löcher. Auch waren Tages- und Kunstlichtlampen teilweise wild und ohne für mich erkennbares Konzept gemischt. Wenn man schon kopfbewegte Lampen (für ein Theater erstaunlich viele Movingheads übrigens) mit klassischem Theaterlicht mischt, dann muß man sich entweder Gedanken darüber machen, wie man die einzelnen Szenen am besten mit den jeweiligen Geräten beleuchtet, oder wenigstens cto/ctb filtern, um einen homogenen Eindruck zu bekommen.

Szenenbild aus Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer im Staatstheater Mainz

Solche Punkte fallen dem normalen Besucher (und am wenigsten den Kindern) wahrscheinlich nicht bewußt auf. Immel wiedel elstaunlich finde ich, daß es manchen Schauspieleln scheinbal ganz leicht fällt, Splachstölungen und „chinesischen Akzent“ völlig flüssig lübelzublingen. Lespekt. Also: eine schöne Vorstellung.

Nachtrag: schon als Kind frug ich mich, wie denn Emma schwanger werden und Molly bekommen konnte, wenn doch keine männliche Lokomotive mitspielt. Ob Lukas und Emma …… naaaaaaaiiiiiiiin !

Bloody Berties „Dreigroschenoper“ im St. Pauli Theater Hamburg

Ein Beitrag zum Themengebiet Theater, geschrieben am 22. Januar 2007 von Markus Sorger

Vorhang der Dreigroschenoper im St. Pauli Theater Hamburg

Gestern Abend war ich mal wieder im St. Pauli Theater und hatte das Glück, mir Bertold Brechts Dreigroschenoper ansehen zu können, die ja ehrlicherweise eher eine Operette oder ein Musical ist, denn es wird ausführlich gesprochen und nur zwischendurch mal gesungen.

Die Inszenierung hat mir hervorradend gefallen und dazu haben alle Beteiligten beigetragen. Das St. Pauli Theater hat ja eine recht kleine Bühne; im gelungenen Zusammenspiel von Bühnenbild und Licht entstand aber ein große räumliche Tiefe mit schönen, klaren Farben. Da haben zwei Gewerke wirklich hervorragend ihre Arbeit gemacht. Auch schauspielerisch glänzten Ulrich Tukur als Mackie Messer, Christian Redl als Herr Peachum und vor allem Stefanie Stappenbeck als Polly. So macht Theater wirklich Spaß !

Jede Inszenierung der Dreigroschenoper ist immer ein Drahtseilakt zwischen modernen Ideen und starrem, verstaubten Korsett, das die Brecht – Erben vorgeben. Bearbeitungen des Stücks sind ja faktisch unmöglich (wobei ehrlicherweise die Dreigroschenoper selbst auch nur eine Bearbeitung der „Beggar’s Opera“ von John Gay ist). Um so mehr muß man das im St. Pauli Theater gespielte Stück würdigen, auch wenn selbst dort das Wirken der Erben (beispielsweise mit dem völlig lächerlichen Schild „Ende der Oper“ vor dem Reprise des Moritats ganz am Schluß der Aufführung) teilweise sichtbar ist. Fazit: ein gelungener Abend, bei dem man mal wieder lernt, daß Schwiegereltern wichtige Leute sind…

Willkommen, bienvenue, welcome…

Ein Beitrag zum Themengebiet Theater, geschrieben am 31. Dezember 2006 von Markus Sorger

Plakat zu Cabaret

… ist neben „Money makes the world go round“ wohl das bekannteste Lied aus dem Musical „Cabaret„, das bis zum heutigen Sylvester im St. Pauli Theater in Hamburg läuft. Und auch wenn sich niemand von Euch das Stück in dieser Spielzeit mehr ansehen kann, so will ich trotzdem von meinem vorgestrigen Besuch schreiben, denn vielleicht wird es ja noch mal wieder aufgenommen und dann seid Ihr schon perfekt informiert.

Jeder, der das Stück noch nicht gesehen hat, verbindet mit „Cabaret“ schöne Frauen, nacktes Fleisch und spaßige Unterhaltung. Cabaret der 20er und 30er Jahre eben. Das gibt es hier auch — allerdings nur als fast karikierende Nebenhandlung. Hauptgeschichte ist jedoch das langsame Erstarken der nationalsozialistischen Bewegung, wie es das Leben verschiedener Menschen beeinflußt und wie diese damit umgehen. Ein Stück ohne happy end. Aber das wissen wir im Grunde ja aus dem Geschichtsunterricht.

Die Inszenierung hat mir in weiten Teilen sehr gut gefallen. Besonders das sehr einfache Bühnenbild, das mit wenigen Mitteln bei offenen Umbauten die Räume sehr gut darstellt, findet meinen Gefallen. Das Licht fällt (weder positiv noch negativ) nicht auf, der Ton ist gut. Die schauspielerischen Leistungen sind sehr gut; allein die Cabaretmädels sollten mal überarbeitet werden. Daß eine der Damen als Füllige angelegt ist, ist ja ganz witzig; die anderen Damen sollten meiner Meinung nach jedoch dann schon als Kontrast schlanke Figuren haben. Ich habe den Eindruck, daß die ein oder andere seit der ursrpünglichen Premiere deutlich auseinandergegangen ist. Das ist menschlich (wer will das besser verstehen als ich), kommt aber dem Stück nicht entgegen.

Die Hauptdarsteller gaben alle ein wirklich gutes Bild ab. Gustav Peter Wöhler, in Hamburg sehr beliebt, gibt den Conférencier, eine eigentlich eher undankbare Rolle, da er im Stück ja nie interagiert und daher als Schauspieler kaum gefordert ist.

Als Regisseur hätte ich ehrlicherweise allerdings das Ende deutlich anders angelegt, aber dazu bedarf es sicher Mut. Der Schluß des Stückes ist ja von der Handlung her nicht gerade fröhlich und daher hätte ich es darauf angelegt, die Zuschauer verstört nach Hause zu schicken. Jede Aufführung ohne Schlußapplaus wäre für mich eine Auszeichnung gewesen. Statt dessen aber zum Abschluß nochmal „Willkommen, …“, gute Laune, Party und eben Applaus. Eigentlich zu Recht, aber doch schade.

Im Theater verständlicherweise Photographierverbot, daher hier keine Bilder.