{"id":3942,"date":"2011-08-15T15:09:50","date_gmt":"2011-08-15T13:09:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tour-blog.de\/?p=3942"},"modified":"2011-08-15T15:54:42","modified_gmt":"2011-08-15T13:54:42","slug":"aerodynamik-fur-veranstaltungstechniker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tour-blog.de\/?p=3942","title":{"rendered":"Aerodynamik f\u00fcr Veranstaltungstechniker"},"content":{"rendered":"<p>Der schwere B\u00fchnenunfall am Wochenende hat viele Veranstaltungstechniker ins Gr\u00fcbeln gebracht; unsere Technikerforen sind voll von Thesen. Sehr sch\u00f6n sind immer wieder die Stimmen derjenigen, die es ja schon immer gewu\u00dft haben. Auch hier rund ums Blog gab es ein paar Diskussionen. Sehr interessant bei meinem Blog finde ich, da\u00df ein Gro\u00dfteil der Leser nicht kommentieren, sondern lieber eine Mail schreiben; auf einen Kommentar kommen im Schnitt f\u00fcnf Mails. Um das alles ein wenig zusammenzuf\u00fchren, m\u00f6chte ich hier mal ein paar Grundlagen zu Windlasten aufschreiben. Ich glaube, da\u00df dann der ein oder andere versteht, da\u00df das mit B\u00fchnen bei Sturm gar nicht so einfach ist und da\u00df es gar kein Patentrezept geben kann.<\/p>\n<p><img class=\"alignnone\" title=\"Gedanken zur Aerodynamik bei B\u00fchnen\" src=\"https:\/\/www.tour-blog.de\/2011\/08\/Aero 1.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>So stellen wir uns ja eine rundum mit Planen versehene B\u00fchne bei Wind vor: von links kommt der Wind, der rote Anteil dengelt gegen die B\u00fchne, der gr\u00fcne fliegt einfach dr\u00fcber weg und der blaue Pfeil symbolisiert die daraus entstehende Kraft; die B\u00fchne wird nach rechts gedr\u00fcckt. So weit, so einfach.<\/p>\n<p><img class=\"alignnone\" title=\"Gedanken zur Aerodynamik bei B\u00fchnen\" src=\"https:\/\/www.tour-blog.de\/2011\/08\/Aero 2.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>In den Diskussionen kommen immer die Begriffe &#8222;Windverband&#8220;, &#8222;Verspannung&#8220;, oder &#8222;Bracing&#8220; vor. Die sollte ich auch nochmal eben erkl\u00e4ren. Wenn ich bei einem Quadrat kr\u00e4ftig oben gegen die Ecke dr\u00fccke, dann wird sich dieses Quadrat mit zunehmender Kraft irgendwann in Richtung Salmiakpastille verbiegen; w\u00e4re das Quadrat eine B\u00fchne, dann w\u00fcrde sie einfach umkippen. Man kennt das ja auch, wenn man ein Regal oder einen Schrank aufbaut: solange keine R\u00fcckwand drin ist, ist diese Konstruktion ganz sch\u00f6n labil.<\/p>\n<p><img class=\"alignnone\" title=\"Gedanken zur Aerodynamik bei B\u00fchnen\" src=\"https:\/\/www.tour-blog.de\/2011\/08\/Aero 3.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Wenn man jetzt das Quadrat verspannt, da also ein Kreuz reinsetzt, dann kann sich das Quadrat nicht mehr so einfach verbiegen, weil n\u00e4mlich die dagegendr\u00fcckende Kraft innerhalb der Verspannung abgeleitet wird. Auch das kennt man von zuhause: beim billigen Regal aus dem Sonderangebot schraubt man hinten ein Kreuz dran und schon steht das Teil. Genau sowas machen wir bei B\u00fchnen (hoffentlich) auch: im Dach, in der R\u00fcckwand und in den beiden Seiten werden solche Verspannungen eingesetzt und die machen die B\u00fchne erst stabil. Nur bei der B\u00fchnenvorderseite w\u00fcrde das ja doof aussehen und darum l\u00e4\u00dft man sie dort weg. Allerdings gewinnt man im Sturmfall ganz erheblich an Stabilit\u00e4t, wenn man dann dort solch eine Verspannung auch anbringt. Darum ist es sinnvoll, sie schonmal vorzubereiten, damit es dann im Ernstfall ganz schnell geht.<\/p>\n<p>Bei genauer Betrachtung der Wirkungsweise eines Kreuzes versteht man auch recht schnell, da\u00df die an dieser Stelle oft und gern eingesetzten 5 &#8211; Tonnen &#8211; Spanngurte vielleicht doch keine sooooo gute Idee sind, wenn sie schon ein wenig verschlissen sind. Richtige Stahlspanner, -seile, -sch\u00e4kel sind da viel vertrauenserweckender. Denn wenn so eine Strecke rei\u00dft, dann ist es auch das Ende der B\u00fchne.<\/p>\n<p><img class=\"alignnone\" title=\"Gedanken zur Aerodynamik bei B\u00fchnen\" src=\"https:\/\/www.tour-blog.de\/2011\/08\/Aero 4.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Nun wird immer wieder gesagt, da\u00df man im Sturmfalle einfach die seitlichen Planen entfernen solle, um die Windlast zu verringern und die B\u00fchne vor dem Umkippen zu bewahren. Erstmal sieht das ja auch logisch aus: der Wind kann unten einfach durchpfeifen (den Restluftwiderstand der Traversenkonstruktion und der PA vernachl\u00e4ssigen wir hier mal eben), nur noch oben beim Dach ist ein luftundurchl\u00e4ssiger Bereich, also entstehen da viel weniger Kr\u00e4fte, die die B\u00fchne umschmei\u00dfen k\u00f6nnen. Das ist allerdings wie immer im Leben nicht ganz so einfach.<\/p>\n<p><img class=\"alignnone\" title=\"Gedanken zur Aerodynamik bei B\u00fchnen\" src=\"https:\/\/www.tour-blog.de\/2011\/08\/Aero 5.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Wenn wir mal eben nur das Dach anschauen, dann haben wir da ganz pl\u00f6tzlich das Tragfl\u00e4chenprinzip (oder das Prinzip, mit dem sich Segler &#8222;am Wind&#8220;, also fast gegen den Wind, bewegen), mit dem es auch eine <a title=\"Der Begriff bei Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Antonow_An-225\" target=\"_blank\">Antonow 225<\/a> schafft, mit insgesamt 600 Tonnen Kampfgewicht abzuheben. Ooops.<\/p>\n<p>Im Detail: ich habe links neben das B\u00fchnendach mal zwei Luftmolek\u00fcle gemalt, die genau \u00fcbereinanderstehen. Das untere Molek\u00fcl fliegt unter dem Dach durch, das obere schafft es leider nicht und mu\u00df den langen Weg \u00fcber den Giebel nehmen. Dabei mu\u00df es richtig Gas geben, denn es mu\u00df trotz der l\u00e4ngeren Strecke zum selben Zeitpunkt wieder am Ende des Daches sein, wie das Molek\u00fcl, das den k\u00fcrzeren, unteren Weg genommen hat. Dadurch entsteht ein Sog, der das Dach nach oben zieht. Das ist keine abstrakte Kraft, die man mal eben vernachl\u00e4ssigen kann, sondern eine sehr reale.<\/p>\n<p><img class=\"alignnone\" title=\"Gedanken zur Aerodynamik bei B\u00fchnen\" src=\"https:\/\/www.tour-blog.de\/2011\/08\/Aero 6.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>So sieht es also dann auf die ganze B\u00fchne \u00fcbertragen aus: bei entfernter Verplanung entstehen zwei Kr\u00e4fte, die die B\u00fchne im Zweifelsfall nach rechts wegfliegen l\u00e4\u00dft. Wie die B\u00fchne konkret reagiert h\u00e4ngt vom einzelnen B\u00fchnentyp ab. Ist das Dach fest mit den Towern verbolzt und h\u00e4ngen unten gro\u00dfe Tanks dran, dann mag das so halten. Ist das Dach nur mit Stahlseilen gegen herunterfallen gesichert, dann kann und wird sich das Dach richtig bewegen und bringt eine schicke Dynamik ins Spiel, die die Situation zus\u00e4tzlich versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang la\u00dft uns doch auch noch mal eben \u00fcber die PA sprechen. Oft wird ja gefordert, die PA herauszunehmen. Ich sehe das ein wenig differenzierter. Wenn die PA wild im Wind schaukelt, dann ist sie durch die Dynamik eine zus\u00e4tzliche Gefahr, ja. Ist sie aber sauber verspannt und h\u00e4ngt ruhig im Dach, dann ist sie ein zus\u00e4tzliches Gewicht, das das Dach am Abheben hindert. Das kann nicht nur schlecht sein.<\/p>\n<p><img class=\"alignnone\" title=\"Gedanken zur Aerodynamik bei B\u00fchnen\" src=\"https:\/\/www.tour-blog.de\/2011\/08\/Aero 7.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Zu guter Letzt wird gern gefordert, das Dach so schnell wie m\u00f6glich abzulassen, um so die Windangriffsfl\u00e4che zu verringern und den Schwerpunkt der Windangriffsfl\u00e4che sch\u00f6n weit herunterzubekommen. Wenn man das <em>rechtzeitig<\/em> macht und das Dach unten auch nochmal herunterspannt, da\u00df es nicht auffliegen kann, dann ist das eine tolle L\u00f6sung. Allerdings liegt die Betonung hier sehr deutlich auf <em>rechtzeitig<\/em>. Mitten im Sturm auf die Idee zu kommen, mal eben das Dach herunterzufahren, ist glatter Selbstmord. Sobald ich das Dach nach unten fahre, sind die Verspannungen nicht mehr gespannt, also unwirksam. Ich mache damit die B\u00fchne zu einer absolut windempfindlichen Konstruktion, die ganz einfach umfallen kann. Bei den meisten B\u00fchnen mu\u00df ich die Verplanung vorher l\u00f6sen; die kann ich im Wind aber in der Regel gar nicht mehr festhalten, sie wird mir also quer \u00fcber den Platz segeln. Zum Herunterlassen mu\u00df ich die Verbolzung l\u00f6sen; nun habe ich ja schon die Planen davonfliegen lassen, ich habe also beste Segeleigenschaften des Daches. Wenn ich die Bolzen unter Starkwind l\u00f6se, dann wird mir das Dach nach oben wegfliegen. Also: das Ablassen des Daches bitte niemals unter Starkwind versuchen.<\/p>\n<p>Beim Thema Wegfliegen der Verplanung f\u00e4llt mir noch die folgende Geschichte ein: ein B\u00fchnenbauer erz\u00e4hlte mir mal ganz stolz, da\u00df er den Abstand der Gummistrapsen f\u00fcr seine Gaze so berechnet habe, da\u00df bevor die B\u00fchne umfalle, die Verstrapsung der Gaze rei\u00dfen w\u00fcrde und somit der Druck vermindert. Das ist nat\u00fcrlich eine schlaue Idee. Allerdings m\u00f6chte <em>ich<\/em> nicht auf dem Platz sein, wenn mal pl\u00f6tzlich so eine 100m\u00b2 gro\u00dfe Plane aus der B\u00fchne platzt und quer durch das Publikum gefetzt wird.<\/p>\n<p>So. Jetzt ist die Verwirrung wahrscheinlich gro\u00df. Was soll ich denn jetzt nun mit meiner B\u00fchne machen, wenn ein Sturm vor der B\u00fchne steht ? \u00a0Das kann ich Euch auch nicht sagen und das kann keiner. Weil es n\u00e4mlich keine allgemeing\u00fcltige Antwort gibt. Je nach Dachform ist es ein gro\u00dfer Unterschied, ob der Wind von der Seite oder von vorn\/hinten kommt. Je nach Konstruktion geht es langsamer oder schneller, ein Dach abzulassen. Beispielsweise. Die beste Handlungsweise h\u00e4ngt von vielen Faktoren ab, die man kaum pauschalisieren kann.<\/p>\n<p>Was man machen mu\u00df: sich im Vorfeld genaue Gedanken dar\u00fcber machen, wie ich in dieser konkreten Situation mit diesem konkreten Material bei Starkwind reagiere. Alle notwendigen Arbeitsschritte kennen und vorbereiten (es hilft nicht, wenn der Lehrling noch mal eben mit dem Sprinter ins Lager fahren mu\u00df, um das Material f\u00fcr die Verspannung an der B\u00fchnenvorderseite zu holen). Ich mu\u00df sauber und stabil mit gepr\u00fcftem Material bauen und nicht mit deutlich ablegereifem Material und leicht angesch\u00f6ntem Baubuch durch die Lande fahren. Und ich mu\u00df den Mut und die Durchsetzungskraft haben, im Zweifelsfall die B\u00fchne zu sperren und das Publikum nach Hause zu schicken. Rechtzeitig.<\/p>\n<p>Der letzte Punkt ist wahrscheinlich der schwierigste, weil es da ja dann immer noch die &#8222;Et h\u00e4tt ja noch immer jootjejange&#8220; &#8211; Veranstalter und Cheffen gibt.<\/p>\n<p>Und nicht umsonst fallen B\u00fchnen ja rechtlich auch unter die &#8222;Fliegenden Bauten&#8220;&#8230;&#8230;&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der schwere B\u00fchnenunfall am Wochenende hat viele Veranstaltungstechniker ins Gr\u00fcbeln gebracht; unsere Technikerforen sind voll von Thesen. Sehr sch\u00f6n sind immer wieder die Stimmen derjenigen, die es ja schon immer gewu\u00dft haben. Auch hier rund ums Blog gab es ein paar Diskussionen. 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