Gesellschaft der aufgescheuchten Hühner

Der EHEC – Virus ist los ! Große Katastrophe ! Warum tut die Kanzlerin nichts ? Warum schickt die UNO keine Truppen ? Aber der Verbraucher reagiert: täglich werden zur Zeit in Deutschland frische Lebensmittel im Wert von etwa drei Millionen Euro (3.000.000,00€) vernichtet, weil der Kunde sie nicht mehr kauft. Im Einzelhandel werden selbst Bananen (!) mit dem Hinweis auf EHEC verschmäht.

Blenden wir einmal zurück: da gab es Vogelgrippe und Schweinegrippe. Die Presse sagte den Tod der Nation voraus, passiert ist relativ wenig. Zu Hochzeiten von Fukoshima waren in Deutschland die Jodtabletten ausverkauft (deren unkontrollierte Einnahme übrigens gesundheitsschädlich sein kann). Nun warnt die Stromlobby vor großflächigen Blackouts wegen der Abschaltung von Atomkraftwerken bis 2021 (eine Situation, die bis vor einem halben Jahr noch Gesetz war). Ach so, ja, und jetzt also EHEC.

Vielleicht versucht man mal, das Ganze in Relationen zu setzen. Stand jetzt sind an dieser Krankheit in zwei Wochen 19 Menschen gestorben. Das ist ganz sicher dramatisch für alle Beteiligten, überhaupt keine Frage. Im Straßenverkehr sterben jeden einzelnen Tag elf Menschen, ohne daß wir jetzt alle auf das Auto verzichten würden (und diese Zahl ist sensationell wenig, vor einigen Jahren waren es noch viel mehr). An der Grippe sterben jedes Jahr (ja nach Stärke der Welle) zwischen 10.000 und 25.000 Menschen, also umgerechnet am Tag 27 bis 68. An Grippe. Waschen wir uns häufiger die Hände deshalb ? Nein. Etwa 150 Menschen sterben am Tag (!), weil sie rauchten. Wird deshalb weniger geraucht ? Kaum.

Aber wegen EHEC essen wir nun alle keine Gurken mehr (die man übrigens durch sorgfältiges Waschen durchaus auch vom Erreger befreien könnte). Blödsinn.

Mir ist natürlich klar, daß die Medien immer wieder neue Sensationen brauchen, um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen und ihr Überleben zu sichern. Aber müssen wir deshalb alles unkritisch annehmen, was die Schreiberlinge uns vorsetzen und kopflos wie aufgescheuchte Hühner gackernd durch unser Leben rennen ?

Wer beispielsweise mal versucht hat, Salat mit organischem Dünger zu düngen wird festgestellt haben, daß er dann leicht verbrennt. Ist also damit zu rechnen, daß die Bauern Salat mit Tierkot düngen ? Nein. Salat wird mit mineralischem Dünger gedüngt. Wie also soll EHEC auf Salat kommen ? Maximal, indem Salat mit ungeklärtem Abwasser gewässert wurde. Allerdings wurde bisher auf Salat kein EHEC nachgewiesen. Trotzdem bekommen wir gepredigt, Salat neben Gurken und Tomaten nicht zu essen.

Von 81.000.000 Einwohnern Deutschlands sind in den letzten zwei Wochen 19 an EHEC gestorben. Wenn man es etwas krasser möchte: in Hamburg sind von 1.700.000 Einwohnern knapp 500 erkrankt, 12 gestorben (wobei das Verhältnis schon wieder nicht stimmt, weil viele davon aus dem Umland kommen, also keine Einwohner Hamburgs sind). Nochmal: das ist für jeden einzelnen von ihnen und für deren Angehörige ganz sicher sehr dramatisch. Trotzdem kann es doch wohl nicht ernsthaft Grund dafür sein, daß zur Zeit ganze Heerscharen von Menschen komplett auf frisches Obst & Gemüse verzichten.

Atmen wir also mal tief durch, erinnern wir uns an ganz grundlegende Regeln der Essenshygiene und dann nichts wie los in den Supermarkt, en gross Tomaten aus dem Sonderangebot gekauft, daraus sehr günstig köstliche Tomatensauce gekocht und eingefrostet.

Guten Appetit.

15 Gedanken zu „Gesellschaft der aufgescheuchten Hühner“

  1. So ähnlich wie Du argumentierte ich heute Abend, als ich gemischten Salat (roh) auf den Tisch stellte. Aber wie war das noch mit der „German Angst“? Auch Dir einen guten Appetit.

  2. Der Grund warum alle soeine Panik schieben ist einfach: „Vögel fliegen draußen in der Luft – Gurken liegen im Kühlschrank“

  3. Sehr schön und volle Zuistimmung. Vielleicht sollten wir uns einfach mal wieder an die frühren Werte und Tugenden zurückerinnern. Und alles mal entschleunigen.

  4. Ja, man! Da hat Einer meine Gedanken gelesen. Ich genieße gerade die niedrigen Preise und hau ordentlich rein. Endlich ist Obst und Gemüse mal günstiger.

    Danke für den Artikel!

  5. Volle Zustimmung.
    Tomatensauce auf Vorrat kochen und einfrosten – eine gute Idee. Danke für den Tipp.

  6. Mir schwebt da eine echt kranke Theorie durch den Kopf. Ich mach mir ja selber deit Jahren Gedanken über diese und jene Vorfälle. Was ist wenn unsere Regierung oder EU durch solche Aktionen einigen Bauern das Leben schwer machen wollen um ggf. an ihr Land und das möglichst billig ran zu kommen um ihren scheiß Biosprit zu erzeugen?

  7. Normalerweise gehe ich an solche Geschichten ja auch eher gelassen ran.
    Allerdings machen mich die Umstände, dass niemand weiß wo es herkommt, man sich die Infektion quasi an beliebigen Gegenständen einfangen kann und es in den letzten 24h eine starke Zunahme der Infektionen gegeben hat zunehmend besorgter.
    Der Vergleich mit dem Straßenverkehr und dem Rauchen hinkt imho, weil weder ein Unfalltod noch Krebs ansteckend ist.
    Und auch das mit der Grippe kommt nicht so ganz hin – gibt es gegen diese doch eine Impfung…

  8. Und nochwas: Selbst wenn das Gemüse oder der Salat keimfrei vom Feld kommen – egal von welchem – sobald jemand das Zeug anpackt, der den Erreger an den Griffeln hat (das kann die Marktfrau sein, der Koch im Restaurant, ein Familienmitglied bei der Zubereitung) kann man es roh nicht mehr essen. Ganz egal wie oft man sich auf dem Klo die Hände gewaschen hat. Schon allein das wäre ein Grund auf Rohkost zu verzichten.

  9. Bin ja schon gespannt auf unsere nächsten Cateringjobs…. wie skeptisch die Leute da mit dem Thema umgehen.

  10. Aufm Kirchentag in Dresden wurde 2 Tage vor Beginn das komplette Salatbuffet für die Helfer gestrichen. Wohlgemerkt 5 Tage lang mehr als 4500 Helfer, also über 20 000 Portionen Salat.
    Die Angst geht auch bei solchen Veranstaltungen um…

  11. Ich kann den verantwortlichen Koch auch ein wenig verstehen: ist das grob fahrlässig, wenn ich 4.500 Leute in Zeiten von EHEC mit Salat versorge ? Wenn ja, zahlt nämlich keine Haftpflichtversicherung, sondern der Koch mit seinem Privatvermögen. Das was ich für mich als Privatmann entscheide würde ich als Verantwortlicher einer Großküche vielleicht anders entscheiden.

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