es geht los

In den vergangenen Jahren habe ich ja hier nichts öffentlich gebloggt. Nun steht eine größere Tournee an, von der ich zwar aus vertraglichen Gründen nichts erzählen darf, die mich aber doch ein wenig in der Weltgeschichte herumbringen wird und so möchte ich versuchen, den öffentlichen Teil meines Blogs wieder ein wenig zu beleben. Mit ein paar Eindrücken abseits der eigentlichen Tourproduktion.

In den letzten Tagen haben wir fleißig vorbereitet. Erst wurden bei uns im Lager zwei Sätze des Materials zusammengeschraubt, das wir mitnehmen (das sind jeweils nur knapp drei Tonnen, weil wir nicht mit LKW, sondern Flugzeugen transportieren), dann waren wir bei Black Box Music in der Probenhalle 2, um das Licht zu programmieren und zusammen mit den Künstlern ausgiebig die Show zu proben. Heute geht es nun los. Mit dem Flieger nach Brasilien. Die nächsten drei Wochen werden wir in Südamerika verbringen. Ich bin gespannt, wie’s wird.

G20

In meiner geliebten Heimatstadt geschehen gerade an diesem Wochenende so viele unglaubliche Dinge, daß ich darüber meine Meinung rauslassen muß. Ganz grundsätzlich halte ich Treffen wie G7/G8/G20 für eine wichtige Institution. Nur mit Dialog kommt man weiter und für Dialog muß man sich auch treffen. Manche Kritik an diesen Treffen kann ich nachvollziehen, manche Regierung ist demokratisch nicht legitimiert, manche Themen würde ich anders gewichten, trotzdem bleibt dieses Treffen ein Ort des Gesprächs und damit wertvoll. Was daraus hier nun gemacht wurde, ist allerdings so unglaublich daneben, daß ich es nicht fassen kann.

Die erste Frage, die sich mir stellt ist, ob die Größe des Treffens in dieser Form tatsächlich zielführend ist. Tausende Menschen in den Delegationen, tausende Journalisten, zehntausende Dienstleister. Zwei Nummern kleiner wäre in meinen Augen angemessener gewesen. Es wäre dann wahrscheinlich eher zu Gesprächen unter den Führenden gekommen als nun, wo mehr repräsentiert als wirklich geredet wird, die wirklichen Gespräche den Sherpas, wie Frau Merkel sie gestern Abend nannte, überlassen wird.

Die zweite Frage ist, ob ein solches Treffen mitten in der Innenstadt von Hamburg schlau ist. Ehrlicherweise ist das keine Frage. Es war unschlau. Ich weiß gar nicht, wie man auf das schmale Brett kommen kann zu glauben, ein solches Treffen inmitten Hamburgs abhalten zu können. Die Belastung für die Bevölkerung, denn direkt neben dem G20 – Zentrum wohnen ja zehntausende Menschen, ist ehrlicherweise unerträglich. Damit meine ich nicht nur die bis zu neun Helikopter, die 24h/d über einem kreisen und die den Schlaf doch deutlich stören. Damit meine ich vor allem das komplette Zusammenbrechen von Infrastruktur. Straßen sind weiträumig gesperrt, Busse fahren dadurch nicht, U- und S-Bahnen fahren eingeschränkt, Schulen und Kindergärten schließen, Geschäfte sowieso. Man kommt teilweise nach der Arbeit stundenlang nicht nachhause und wenn man dann dort ist, darf man Fenster nicht öffnen und auf den Balkon schon gar nicht. Dazu kommt, daß das Treffen in direkter Nachbarschaft eines linksalternativen Viertels stattfindet, in dem man solche Einschränkungen doppelt doof findet. Das alles hätte man als planender Politiker wissen können, wissen müssen.

Und so erleben wir ein Zusammenprallen von Polizei auf der einen und Demonstranten, unterwandert von Vandalen, auf der anderen Seite. Beide Seiten machen dabei keine gute Figur. Um es freundlich zu formulieren.

Ich halte Demonstrationen für wichtig. Sie sind ein ganz grundlegender Teil unseres Demokratieverständnisses. Jedes Behindern von Demonstrationen ist ein Untergraben unseres staatlichen Selbstverständnisses. Diese Behinderung erfolgt leider von allen Seiten. Zum einen durch geschätzt 800 bis 1.000 Arschlöcher, die im Schutze friedlicher Demonstranten ihr zerstörerisches Werk vollbringen. Und zum anderen durch eine Polizei, die hier so daneben agiert, daß Putin und Erdogan sich bestimmt freuen, weil jede Kritik an ihrem Vorgehen zuhause demnächst mit einem Verweis auf Hamburg abgeschmettert werden kann. Man kann zusammenfassend sagen, daß die Polizei groß aufspielt, wenn es um nichts geht und feige den Schwanz einzieht, wenn es zu Problemen kommt. Das was ich in den letzten Tagen hier mit eigenen Augen gesehen und im Gespräch von Freunden über deren persönliche Erlebnisse gehört habe, läßt mich ausschließlich Verachtung für die Polizei empfinden. Da werden Protestcamps mit Gewalt geräumt, in denen bislang nichts als friedlich gezeltet wurde und es Workshopzelte für eine gerechtere Welt gab. Da wird eine Demo mit 10.000 Menschen zerschlagen, weil es dort vielleicht 500 Vermummte gab, die nach Verhandlungen gerade zumindest in Teilen bereit waren, ihre Vermummung abzulegen und bei der es zu dem Zeitpunkt weitgehend friedlich abging. In beiden Fällen konnte man sicher sein, daß die Gegenwehr überschaubar blieb, da konnte man als Polizei also schön mit Gewalt reinschlagen.

Auf der anderen Seite war aber weit und breit keine Polizei zu sehen, als am Freitagmorgen kilometerweit Autos brannten oder als letzte Nacht die Schanze brannte. Anwohner berichten, daß drei Stunden lang der Pöbel alles kurz und klein schlagen konnte, daß man mehrfach die Polizei zur Hilfe rief, aber niemand kam. Die Polizei sagt, man sei überrascht gewesen, daß es zu Gewalt im Schanzenviertel kam. Wer länger als ein halbes Jahr in Hamburg wohnt weiß, daß das Quatsch ist. Die Polizei hatte einfach keine Eier, da reinzugehen und hat mit ihrem Eingriff so lange gewartet, bis der Pöbel zufrieden und weitergezogen war. Oder sie war eben interessiert daran, solche Bilder entstehen zu lassen, um dann andere, eigentlich ungerechtfertigte Reaktionen, nachträglich zu legitimieren. So oder so eine große Schweinerei.

Und heute morgen, ich wohne etwa 200m vom Beginn der Sperrzone entfernt, erlebe ich, wie eine Oma, vielleicht 90 Jahre alt und von den Jahren deutlich gebeugt, mit ihrem Twingo an einer Straßensperre steht. Sie war einkaufen und möchte nun mit ihren Einkäufen wieder nachhause. Sie kann sich ausweisen und wohnt tatsächlich 150m weiter in einem Gebiet, das friedlich ist. Und diese großkotzigen Polizisten stellen sich breitbeinig vor diese Frau und lassen sie nicht durch. Sie solle doch ihr Leben besser organisieren, sie wisse doch, daß hier gesperrt sei. Nachts zu feige sein, um die Bevölkerung vor marodierenden Idioten zu schützen, aber vor ’ner Oma den großen Max machen. DAS ist die Polizei hier zur Zeit in dieser Stadt.

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: die Polizei hat die Aufgabe, für einen reibungslosen Ablauf dieser Veranstaltung zu sorgen und teilweise muß sie auch nur ausbaden, was andere mit der Entscheidung, den G20 hier stattfinden zu lassen, eingebrockt haben. Das ist mir klar und ich möchte nicht in deren Haut stecken. Ich kann aber von Vertretern des Staates, von Profis in Gefahrenabwehr erwarten, daß sie das mit Ruhe, Gelassenheit und Augenmaß auf der einen Seite und mit klarer Härte auf der anderen Seite tut. So wie es hier geschieht, halte ich es in einem demokratischen Staat für nicht würdig.

Und damit auch das klar ist: die Honks, die hier brandschanzend und plündernd durch die Gegend ziehen, gehören eingebuchtet und mit so viel Sozialstunden überzogen, bis sie den Schaden, den sie anrichteten, doppelt und dreifach, quatsch, zehnfach wieder gutgemacht haben. Ich habe null Verständnis für solche Aktionen, die einfach asozial sind und zu 99% die falschen, nämlich auch nur arme Schlucker treffen.

Ich hoffe, daß die für heute angekündigten Großdemonstrationen nicht geschwächt aus diesem Chaos hervorgehen. Ich hoffe, daß freiheitliche Werte nicht zerrieben werden zwischen Anarchie und Polizeiüberreaktion. Und ich hoffe, daß innenpolitische Scharfmacher nicht Kapital ziehen aus den Vorfällen hier in der Stadt. Denn das muß doch auch klar sein: die Chaoten spielen genau in die Hände derer, gegen die sie antreten. Wenn wir schon so weit sind, daß Sprecher der Roten Flora sich von den Vorfällen distanzieren, dann ist hier einiges schiefgelaufen.

Dialog, das soll der G20 sein. Dann sprecht miteinander. Eine mächtige Demo mit 100.000 Teilnehmern sagt mehr, als brennende Autos und geplünderte Supermärkte.

Wahlen in McPom

Nun sind die Wahlen in Mecklenburg Vorpommern gewählt und zweitstärkste Kraft ist dort die sogenannte Alternative für Deutschland geworden. Hauptgrund für den hohen Stimmanteil dieser rechten Partei soll die Flüchtlingspolitik gewesen sein. Bei einer Landtagswahl. In einem Bundesland mit einem Ausländeranteil von 3%, in dem im Laufe des letzten Jahres 23.000 Flüchtlinge aufgenommen wurden, von denen viele das Land schon wieder in Richtung große Städte verlassen haben. Aha.

Ich lese Berichte in denen die Bevölkerung Angst hat, ihnen würde von den Flüchtlingen was weggenommen, die würden ja jetzt unterstützt und die Deutschen müßten sehen, wo sie blieben. Äh. Ja. Vielleicht bekommen diese Deutschen tatsächlich mal ihren Arsch selbst hoch, anstatt darauf zu warten, daß ihnen weitere 25 Jahre der Soli in denselben geblasen wird. Da kommen hier Menschen aus Kriegsgebieten an und das größte Problem ist, daß die 3% Gesamtausländeranteil für Überfremdung sorgen.

Man muß das ganz klar benennen: die AfD ist ein Sammelbecken für Faschismus und Dummheit. Wenn wir als Deutsche in die Hand spucken, dann könnten wir eine Menge schaffen und ganz sicher könnten wir es schaffen, deutlich mehr als 23.000 Menschen in einem leeren, überalterten Land wie Mecklenburg Vorpommern unterzubekommen. Stattdessen wird also geweint, werden Vorurteile geschürt und auf die Kanzlerin geschimpft. Letzteres kann ich ja grundsätzlich verstehen, ich finde vieles nicht toll, was die Dame verzapft. Aber ausgerechnet ihre Flüchtlingspolitik ist von Humanität geprägt und das kann man jemandem wohl kaum vorwerfen.

Einleuchtspaß

Der ein oder andere hat in den letzten Tagen vielleicht schon dieses Video gesehen, aber denen, die’s noch nicht kennen, möchte ich es schon sehr gern auch hier zeigen. Festivalpublikum ist manchmal schon lustig drauf. Hier ist ein Lichtkollege dabei, dem Operator am Lichtpult Zeichen zu geben, damit der weiß, wie er Lampen für die nächste Band einleuchten muß. Das Publikum „tanzt“ einfach mit und alle Beteiligten haben Spaß — sehr schön.

Ratten aus dem Loch

Zur Zeit bin ich auf einem Festival an der Müritz, der Internetempfang dort ist legendär schlecht und so bekomme ich die Welt um mich herum kaum mit. Was sehr angenehm ist und mich ebendieses Festival noch mehr genießen läßt. Was ich allerdings dann doch mitbekommen habe ist die Tatsache, daß fremdenfeindliche Aktionen bei den Briten nach dem Brexit je nach Quelle zwischen 57 und 120% zugenommen haben.

Bei dem Wahlkampf war das ja fast zu erwarten.

Ausländerfeindlichkeit ist ja keine deutsche Spezialität, das kann man in anderen Ländern auch. „Ausländer raus“ – Parolen waren elementarer Teil des Wahlkampfes der Brexit – Befürworter. Nachdem diese Menschen nun eine Mehrheit hinter sich glauben, können sie die Sau jetzt auch richtig rauslassen. Es werden Schwarze und auch Polen teilweise auf offener Straße angegangen; selbst in London, einer Stadt, die von ihrer Internationalität lebt. Fast noch schlimmer sind Brief- und SMS – Bedrohungen, weil sie genau und persönlich den Empfänger treffen. In England lebende polnische Freunde erzählen mir da eigentlich unglaubliche Dinge, die ich aber eben ob der Quelle doch glauben muß.

Ich selbst würde mich ja nie als Antifaschisten bezeichnen, eher als Humanisten, oder, wäre der Begriff in Deutschland nicht durch eine Partei für mich negativ belegt, als Liberalen. Aber es erscheint mir mehr und mehr wichtig darauf hinzuweisen, daß wir von Menschen reden. Von Mitmenschen. Völlig egal, welcher Nationalität, Hautfarbe, Religion die angehören. Uns sollte Toleranz prägen und nicht Ausgrenzung. Das ist nicht immer einfach, das weiß ich selbst nur zu genau, aber es ist immer wieder einen Versuch wert. „Ausländer raus“ ist jedenfalls keine Lösung. Laßt uns wach werden, aufmerksam und laßt uns Ausgrenzung in unserem Umfeld nicht akzeptieren. Denn wir können nicht einfach mit dem Finger nach England zeigen, bei uns in Deutschland läuft diesbezüglich auch genug schlecht und wir können der Nächste sein, der ausgegrenzt wird.

kein TÜV mehr

Daß ich hier ein paar Jahre nichts tat merkt man doch etwas. Unter anderem daran, daß WordPress, die Software, mit der das Blog auf meinem Server läuft, unter der aktuellen Version das Layout so wie es programmiert ist nicht mehr unterstützt. Ihr sehr das daran, daß Ihr nicht kommentieren könnt. Der Senden – Button fehlt. Das ist doof. Ja, ich werde mich daransetzen (oder jemanden fragen, der dazu vielleicht gerade etwas mehr Zeit hat, als ich), aber das kann gerade etwas dauern. Wer trotzdem kommentieren möchte, schreibt mir einfach eine Mail und ich werde den Kommentar dann hier händisch einfügen.

Werbung gegen Grenzen

Ja, klar, es ist Werbung mit Schauspielern und ja, ganz so wie im Film gezeigt kann man seine Herkunft nicht auf Nationen reduzieren, trotzdem finde ich dieses Video gerade in diesen Zeiten unglaublich gut. Wir sind eben nicht 100% Deutsch, Englisch, Türkisch, whatever, sondern ein bunter Mix von genetischem Material, das sich da im Laufe von Jahrtausenden angesammelt hat. Wir sind nicht grundsätzlich besser, nicht schlechter als andere Menschen, andere Völker, sondern nur eben zufällig unter den Umständen geboren, unter denen wir aufgewachsen sind, die uns geprägt haben und noch immer prägen. Eben das zeigt das Video ganz gut und darum mag ist es sehr. Auch wenn es eben nur Werbung ist. Werbung mit der Aussage, daß Rassismus Unsinn ist. Well done.

Was nun hier wird

In den letzten Monaten und Jahren ist hier ja nicht viel passiert. Das Bloggen über meinen Beruf wurde mir ein wenig verleidet, weil zu viele Menschen meinten, mir hineinreden zu können, worüber ich den schreiben dürfe, müsse, könne, solle. Mit in guten Zeiten über 10.000 unique visitors am Tag war das ja auch mal ein gut gelesenes Blog, in dem man gern die Deutungshoheit haben wollte. Nun habe ich das Blog schön kaputtgeschwiegen und kann vielleicht neu anfangen. Dabei wird sich der Themenschwerpunkt sicher verändern. Es wird politischer werden als früher. Die Zeiten sind so. Ich möchte mehr werben für Toleranz, Offenheit und die Bereitschaft, seinen eigenen Horizont zu erweitern. Was mich eindeutig einschließt. Ganz wird mein Beruf sicher nicht verschwinden — schließlich ist das ein wichtiger Teil meines Lebens. Aber ich habe schon Lust, auch wieder öffentlich zu bloggen und nicht nur im verschlossenen Teil meines Tagebuchs.

Sieg der Intoleranz

Nun ist der Brexit beschlossen und ehrlicherweise ergeben sich nun deutlich mehr Fragen als zuvor. In erster Linie halte ich den Austritt des Vereinigten Königreichs für eine große Dummheit. Und das direkt aus einem ganzen Strauß von Gründen. Ja, natürlich, die EU bedarf ganz dringend grundlegender Reformen, das steht völlig außer Zweifel. Nur an der Gestaltung dieser Reformen hat Großbritannien nun keinerlei Mitwirkung mehr. Das Land ist in dieser Hinsicht zu einem zahnlosen Tiger, zu einer Lame Duck geworden.

Wenn man sich die Geschichte Europas anschaut, dann blickt man in eine wilde Abfolge von Kriegen und Verschwörungen. Erst der aufkommende europäische Gedanke schaffte es, in Kerneuropa seit nun über 70 Jahren tatsächlich so etwas wie Frieden entstehen zu lassen. Diese politische Stabilität war nach Zerfall Ost- und Südosteuropas so attraktiv, daß sich auch Länder von dort der EU anschlossen, obwohl sie doch zuvor Teil des gegnerischen Lagers gewesen waren. Die Trennung der UK von Europa ist ein erster Schritt in eine Zersplitterung des europäischen Gedankens und ein klares Zeichen zu mehr Nationalismus. Rechte Kräfte in vielen Staaten schauen genau zu und haben nun Hoffnung geschöpft, daß ihr nationalistisches Ziel auch in ihrem Land Erfolg haben könnte.

Darüber hinaus geht nun ein tiefer Graben auch durch Großbritannien selbst. Schottland und Nordirland haben deutlich für den Verbleib in der EU gestimmt und Bestrebungen, Großbritannien zu verlassen gibt es dort schon lange. Diese Absetzgedanken kochen nun dort wieder auf, jetzt auch mit der Begründung, die EU nicht verlassen zu wollen. In den nächsten Monaten ist also mit Volksabstimmungen über den Splitt vom Königreich zu rechnen. Ein Paradoxum: den Staat zu verlassen, um in der großen Gemeinschaft der EU bleiben zu können.

Am bedeutendsten finde ich allerdings den Riß durch die Generationen. Diejenigen, um deren Zukunft es geht, haben klar und mit deutlichem Abstand für den Verbleib in der EU gestimmt; die alten Säcke, wie überall in Europa in der Mehrheit, stimmten für den Splitt. Dabei sind die Alten vielleicht auch den Lügen aufgesessen, daß die 350 Millionen Euro (eine gefälschte Zahl, die bei weitem nicht stimmt), die die UK wöchentlich an die EU überweise, dann in das in England tatsächlich völlig marode Gesundheitssystem fließen könne. Übrigens eine Wahlbehauptung, die direkt nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse relativiert wurde: nunja, das könne man natürlich noch nicht versprechen, bla.

Glaubt tatsächlich jemand im Ernst, daß in einer wirtschaftlich immer mehr zusammenwachsenden Welt Einzelstaaten besser aufgestellt sind, als Gemeinschaften ?  Glaubt auf der Insel tatsächlich jemand wirklich, daß das Vereinigte Königreich allein besser geben China, Indien, USA und, nun ja, jetzt auch Europa bestehen kann ?  Großbritannien hatte bislang innerhalb der Gemeinschaft schon einen ganz besondere Status; es wurden Extrawürste in einer Größenordnung gebraten, mit der man an diesem Wochenende ganze Stadtfeste versorgen kann. Bildet sich jemand aus dem Brexit – Lager allen Ernstes ein, bei den Assoziierungsverhandlungen — denn darauf wird es ja hinauslaufen — noch mehr Sonderregeln herausschlagen zu können ?  Nur zum Vergleich: Norwegen, mit dem die EU ein Assoziierungsabkommen hat, zahlt dafür pro Kopf zur Zeit mehr, als Großbritannien als Vollmitglied zahlt. Nicht besser sieht es für die Schweiz aus.

UKIP, als antreibende Kraft hinter dem Brexit, hat ihrem eigenen Staat und dem europäischen Gedanken einen Bärendienst erwiesen und ich hoffe, daß diese Partei den Preis dafür bei kommenden Wahlen noch zu zahlen hat. Darüber hinaus hoffe ich, daß Europa an sich mittelfristig nicht wieder in Kleinstaaterei und Unfrieden zerfällt, sondern die EU nun diese Entscheidung nutzt, um sich selbst zu erneuern.

Gewonnen

Die Attentäter in Frankreich haben schon gewonnen, denn natürlich passiert, was passieren mußte: „Sicherheitspolitiker“ fordern mal wieder die Totalüberwachung, in Diekmanns Schmierenblatt wird die Schuld am Attentat sogar Snowden zugeschoben. Mich kotzt es an, wenn auf der einen Seite davon geschwallt wird, daß die Freiheit zu verteidigen sei und auf der anderen Seite ebendiese Freiheit ganz locker zur Disposition steht. In diesem Fall wäre also die Regierung nicht besser als die Djihadisten.  Toll.

In Frankreich gibt es die Vorratsdatenspeicherung und die Attentäter waren als Islamisten lange bekannt und teilweise sogar schonmal verurteilt. Das hat aber das Blutbad in Paris nicht verhindert. Die Verwirklichung der Überwachungsphantasien der „Sicherheitspolitiker“ werden also an der Terrorgefahr kaum etwas ändern, uns alle aber Teile unserer Freiheit kosten. Wenn die Geheimdienste schon die jetzt erhobenen Daten nicht vernünftig auszuwerten verstehen, dann muß man ihnen nicht weitere Daten geben, sondern entweder das System Geheimdienst in der jetzigen Form ganz grundsätzlich infrage stellen, oder Daten mal auswerten, die man schon hat. Wenn neben den Attentätern überhaupt jemand Schuld an den Anschlägen hat, dann ist es jedenfalls nicht Snowden und das Bestreben, Privatsphäre zu erhalten, sondern die Geheimdienste, die erhobene Daten nachlässig oder gar nicht auswerten.

In diesen Tagen gilt es also viel mehr zu verteidigen, als nur das Recht, Karikaturen zu zeichnen: es geht mal wieder darum, unsere bürgerlichen Grundrechte vom Staat nicht vernichten zu lassen.